Der rote Pfeil
Wie oft beißt sich ein Mensch eigentlich im Leben auf die Zunge?
Keine Ahnung.
Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Menschen auf einen Artikel mit genau dieser Überschrift klicken würden. Genauso wie bei Fragen wie:
Wie oft schaut man in den Kühlschrank, obwohl man weiß, dass nichts Neues drin ist?
Wie oft sagt man „Was wollte ich hier eigentlich?“ und vergisst es direkt wieder?
Oder wie viele Menschen haben schon an einer Tür gezogen, auf der groß „Drücken“ stand?
Solche Fragen funktionieren. Sie sind leicht. Sie sind lustig. Sie machen neugierig. Sie tun niemandem weh.
Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto von unserem Straßenfahrzeug veröffentlicht. Jemand hatte eine kleine Spende unter den Scheibenwischer geklemmt. Ich habe einen roten Pfeil darauf gesetzt. Mehr nicht. Die Menschen suchten, rätselten, klickten und reagierten. Die Reichweite schoss nach oben.
Das ist nicht schlimm. Wirklich nicht.
Aber manchmal sitze ich vor dem Bildschirm und denke nach. Nicht nur über unsere eigenen Beiträge. Ich sehe es bei unseren Freunden von der Polizei. Ich sehe es bei der Diakonie Mark Ruhr. Ich sehe es bei den Oldenburger Straßenengeln. Ich sehe es beim Hamburger Gabenzaun. Ich sehe es bei unzähligen Menschen, Vereinen, Initiativen und Organisationen, die jeden Tag versuchen, irgendwo ein kleines bisschen Hilfe, Wärme oder Hoffnung zu hinterlassen.
Da werden stundenlang Aktionen geplant. Menschen investieren Herzblut. Sie fahren nachts raus. Sie hören zu. Sie helfen. Sie schreiben Berichte. Sie erklären Zusammenhänge. Sie machen auf Probleme aufmerksam. Nicht weil sie Likes sammeln wollen, sondern weil sie hoffen, dass Menschen hinschauen.
Und dann passiert oft etwas Merkwürdiges.
Ein roter Pfeil bekommt Aufmerksamkeit.
Eine lustige Frage bekommt Aufmerksamkeit.
Ein kleines Rätsel bekommt Aufmerksamkeit.
Aber ein Thema wie Armut, Einsamkeit, Wohnungslosigkeit oder Hilfsbedürftigkeit? Oft passiert fast nichts.
Und bevor jetzt jemand denkt, dies sei ein Vorwurf: Nein. Ich glaube nicht, dass Menschen schlechte Menschen sind. Ich glaube auch nicht, dass ihnen alles egal ist. Sonst gäbe es nicht so viele Menschen, die helfen, spenden, unterstützen und sich engagieren.
Aber manchmal frage ich mich, ob wir uns daran gewöhnt haben, schwierigen Themen auszuweichen. Vielleicht weil die Welt ohnehin schon laut genug ist. Vielleicht weil wir nach Feierabend lieber etwas sehen möchten, das uns zum Schmunzeln bringt. Vielleicht weil wir glauben, dass unser einzelner Blick sowieso nichts verändert.
Doch weißt du, was ich persönlich noch viel trauriger finde?
Dass ausgerechnet die schlimmsten Momente anderer Menschen oft die größte Aufmerksamkeit bekommen.
Ein Unfallopfer.
Ein Mensch in einer psychischen Ausnahmesituation.
Jemand, der hilflos auf einer Straße sitzt.
Ein obdachloser Mensch.
Ein Mensch, der gerade alles verloren hat.
Plötzlich wird geklickt, geteilt, kommentiert und geliked, als gäbe es kein Morgen.
Dabei sind genau diese Bilder und Videos häufig die Aufnahmen, die niemals hätten gemacht werden sollen.
Vor einiger Zeit startete eine Tierschutzorganisation einen Aufruf. Die Bitte war erstaunlich einfach: Hört auf, jedes lustige Tierbild und jedes vermeintlich niedliche Tiervideo zu liken. Nicht weil Tiere nicht niedlich wären. Sondern weil viele dieser Aufnahmen überhaupt erst entstehen, weil Menschen sie sehen wollen. Weil Menschen klicken. Weil Menschen reagieren. Weil Aufmerksamkeit belohnt wird.
Und plötzlich fragte ich mich, ob das bei uns Menschen eigentlich so viel anders ist.
Denn auch bei Unfallopfern, hilflosen Personen, obdachlosen Menschen oder Menschen in schweren Lebenslagen funktioniert der Mechanismus oft erschreckend ähnlich.
Je außergewöhnlicher das Leid.
Je spektakulärer das Bild.
Je größer die Bloßstellung.
Desto größer die Aufmerksamkeit.
Dabei reden wir immer von Würde.
Von Respekt.
Von Menschlichkeit.
Doch unsere Klickzahlen erzählen manchmal eine ganz andere Geschichte.
Denn während die einen versuchen, Menschen zu helfen, verdienen andere mit deren schlimmsten Momenten Aufmerksamkeit. Manchmal Reichweite. Manchmal Geld. Und wir liefern die Währung dafür oft freiwillig mit jedem einzelnen Klick.
Nicht weil wir böse sind.
Sondern weil wir oft gar nicht darüber nachdenken.
Wir lachen.
Wir staunen.
Wir schauen hin.
Wir klicken.
Und irgendwo sitzt ein Mensch, dessen schlimmster Moment gerade von Tausenden betrachtet wird.
Manchmal frage ich mich, was eigentlich aus uns geworden ist.
Nicht als Gesellschaft.
Nicht als Land.
Sondern als Menschen.
Warum berührt uns ein roter Pfeil manchmal mehr als ein Hilferuf?
Warum schenken wir einem Rätsel mehr Aufmerksamkeit als einem Schicksal?
Warum schauen wir auf das Elend anderer Menschen, reagieren darauf und ziehen weiter, während diejenigen, die versuchen aufzuklären, zu helfen oder etwas zu verändern, oft gegen eine Wand aus Gleichgültigkeit anreden?
Vielleicht gibt es darauf keine einfache Antwort.
Aber eine Frage bleibt.
Wenn der schlimmste Tag eines Menschen für andere Unterhaltung, Neugier oder Reichweite wird und am Ende sogar noch diejenigen davon profitieren, die diese Bilder und Videos verbreiten – was genau haben wir dann eigentlich gewonnen?
Und vor allem:
Hat sich das wirklich gelohnt?