Heute ist etwas passiert, was mich nicht loslässt

Heute ist etwas passiert, was mich nicht losläss
Ich war heute an einem Gymnasium in Wuppertal. Oberstufe. Eigentlich war der Vortrag vorbei, das Klingeln hatte längst den Unterricht beendet und normalerweise passiert dann das, was eben passiert, wenn es klingelt: Stühle rücken, Taschen fliegen auf, alle wollen raus. Heute nicht. Die Klasse blieb sitzen. Noch fast zehn Minuten. Nicht, weil sie musste, sondern weil noch Fragen offen waren.
Und genau solche Momente zeigen mir immer wieder, warum ich diese Vorträge mache.
Ich bin vor jedem Vortrag nervös. Wirklich vor jedem. Egal, ob ich vor einer Schulklasse stehe, in einem Gemeindesaal, bei einer Veranstaltung oder irgendwo, wo Menschen etwas über Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und unsere Arbeit mit UNSICHTBAR e.V. erfahren möchten. Kurz vorher denke ich oft: „Holger, warum tust du dir das eigentlich an?“ Und dann mache ich den Mund auf. Ab diesem Moment passiert irgendwas. Dann bin ich einfach ich.
Ich halte keine klassischen Vorträge. Ich stehe da nicht vorne und lese Folien runter. Ich habe keinen Text, den ich auswendig gelernt habe. Das würde bei mir wahrscheinlich auch gar nicht funktionieren. Ich erzähle. Ich springe von einem Gedanken zum nächsten, schweife ab, komme wieder zurück und manchmal merkt man erst ein paar Minuten später, warum dieser kleine Umweg gerade wichtig war.
Ich erzähle von Menschen, die wir nachts auf der Straße treffen. Von Kälte, Hitze, Einsamkeit, Scham und Würde. Aber ich erzähle auch von meinem Leben. Von Ben. Von meiner Mutter. Von dem Brand. Von Dingen, die wehgetan haben. Von Momenten, in denen ich selbst nicht wusste, wie es weitergehen soll. Und manchmal mache ich mich mittendrin auch noch über mich selbst lustig, weil das Leben eben nicht nur traurig ist. Es ist manchmal bitter, manchmal schön, manchmal vollkommen bekloppt und manchmal alles gleichzeitig.
Vielleicht kommt genau deshalb so oft dieses Feedback: dass meine Vorträge anders sind. Nicht, weil ich da vorne besonders wichtig herumstehe. Sondern weil ich nichts erzählen muss, was ich mir aus den Rippen gezogen habe. Es klingt ehrlich, weil es ehrlich ist. Es ist passiert. Es ist mein Leben. Und es sind die Begegnungen mit Menschen, die viele sonst nie sehen würden.
Nach dem Vortrag sagte mir die Lehrerin sinngemäß, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur wegen des Themas geblieben seien. Sie hätten auch dem Menschen zugehört, der da vorne steht. Diese Offenheit, diese Ehrlichkeit, auch mal salopp zu sein und trotzdem mitten ins Thema zu treffen, das sei das, was hängen bleibt.
Und dann kam diese eine Frage.
Eine Schülerin fragte mich: „Was kann man tun, um Obdachlosigkeit abzuschaffen?“
Ich habe ihr geantwortet. Natürlich habe ich ihr geantwortet. Aber auf dem Heimweg merkte ich, dass diese Frage größer ist als eine Antwort in einem Klassenraum. Denn Obdachlosigkeit schafft man nicht mit einem schönen Satz ab. Man schafft sie auch nicht ab, indem man erst hinschaut, wenn jemand schon im Schlafsack unter einer Brücke liegt.
Vielleicht beginnt die Antwort viel früher. Bei Nachbarn, die plötzlich verwahrlosen. Bei Menschen, die immer stiller werden. Bei Mietschulden, bevor eine Räumung kommt. Bei Einsamkeit, bevor sie einen Menschen frisst. Bei Hilfe, bevor jemand alles verliert.
Und genau darüber werde ich noch schreiben.
Heute bleibt für mich erst einmal dieser Moment. Eine Klasse, die nach dem Klingeln sitzen bleibt. Eine Lehrerin, die Worte findet, die gut tun. Und eine Schülerin, die eine Frage stellt, die mich nicht mehr loslässt.
Falls ihr für eure Schule, euer Unternehmen, euren Verein, eure Kirchengemeinde oder eine Veranstaltung einen Vortrag sucht, der nicht nach der letzten Minute endet, sondern danach im Kopf weitergeht, dann schreibt uns gerne an.
Ich verspreche keinen perfekten Vortrag.
Ich verspreche nur einen ehrlichen Menschen.
Und manchmal ist genau das der Anfang von etwas.