Hilfe die keine ist – Teil 7645

MAN REDET. MAN ERKLÄRT. UND TROTZDEM FÄHRT EINER LOS.

Zurzeit brennt es an vielen Stellen. Auch in der Eifel kämpfen Einsatzkräfte gegen einen großen Waldbrand.

Feuerwehrleute stehen stundenlang in voller Montur im Einsatz. Dazu kommen Polizei, THW, Rettungsdienste, Hilfsorganisationen, Katastrophenschutz und viele weitere Menschen, die dafür sorgen, dass aus einer ohnehin beschissenen Lage keine noch größere wird.

Hitze. Rauch. Erschöpfung. Wind, der seine Richtung ändern kann. Eine Situation, die sich innerhalb kürzester Zeit verändern kann.

Und dann passiert etwas, das zunächst einmal wunderschön klingt:

Menschen wollen helfen.

Sie sammeln Wasser und Getränke. Sie organisieren Essen. Anhänger werden gepackt. Menschen schließen sich zusammen und überlegen, wie sie die Einsatzkräfte vor Ort unterstützen können.

Und bevor jetzt die Öffnungszeiten für die öffentliche Steinigung von UNSICHTBAR e.V. bekanntgegeben werden:

Wir finden diese Hilfsbereitschaft großartig. Wirklich.

Eine Gesellschaft, in der Menschen sehen, dass andere Hilfe brauchen könnten und nicht einfach wegschauen, ist genau das, was wir uns wünschen.

Aber:

Gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht.

Wenn Feuerwehr, Polizei, Katastrophenschutz oder Behörden sagen:

Bleibt diesem Gebiet fern. Fahrt dort nicht hin. Behindert die Einsatzkräfte nicht.

Dann ist das keine unverbindliche Empfehlung.

Dann gehört auch das zum Einsatzkonzept.

Und vielleicht besteht die beste Hilfe in diesem Moment tatsächlich darin, nicht hinzufahren.

Was passiert denn, wenn zusätzliche private Fahrzeuge in oder an einen Einsatzbereich kommen?

Was passiert, wenn plötzlich der Wind dreht?

Wenn eine Straße innerhalb weniger Minuten für Einsatzfahrzeuge gebraucht wird?

Wenn Rauch die Sicht nimmt?

Wenn jemand sich verletzt, Rauch einatmet, die Orientierung verliert oder mit seinem Auto und einem vollgepackten Anhänger genau dort steht, wo gerade niemand einen zusätzlichen Wagen gebrauchen kann?

Dann haben diejenigen, denen man eigentlich helfen wollte, möglicherweise eine weitere Aufgabe.

Dich.

Und spätestens dann sollten wir darüber reden dürfen, wann aus gut gemeinter Hilfe möglicherweise eine zusätzliche Belastung wird.

Wir sind selbst ein Verein, der hilft.

Wir wissen deshalb auch, wie schwer es sein kann, einfach nichts zu tun.

Man sieht Einsatzkräfte, die seit Stunden arbeiten. Man sieht die Bilder. Man sieht Feuerwehrleute in ihrer Schutzkleidung und denkt:

Verdammt, da müssen wir doch irgendetwas machen können.

Ja.

Aber vielleicht ist die erste Frage nicht:

„Was kann ich hinbringen?“

Sondern:

„Was wird überhaupt gebraucht?“

Und direkt danach:

„Wo wird es gebraucht und wer koordiniert das?“

Denn wir Außenstehenden können eine solche Lage nicht beurteilen.

Die Einsatzleitung kann es.

Wenn von dort die Information kommt:

„Wir benötigen Getränke, Lebensmittel oder Material. Bitte bringt es zu Punkt X. Dort übernehmen wir.“

Perfekt.

Dann können Menschen sammeln, organisieren, fahren und unterstützen. Und diejenigen, die den Einsatz koordinieren, entscheiden, wie die Sachen anschließend dorthin gelangen, wo sie tatsächlich gebraucht werden.

Das ist organisierte Hilfe.

Und vielleicht liegt genau hier auch eine Aufgabe für Leitstellen, Behörden und Einsatzleitungen.

Das ist ausdrücklich keine Kritik.

Vielleicht müssen wir in solchen Situationen einfach noch genauer kommunizieren, was Hilfsbereitschaft konkret bedeuten kann.

Nicht nur:

„Bitte meiden Sie den Bereich.“

Sondern vielleicht zusätzlich:

„Unsere Einsatzkräfte sind vollständig versorgt.“

„Bitte bringen Sie aktuell keine Lebensmittel oder Getränke.“

„Sollten wir Unterstützung benötigen, veröffentlichen wir einen konkreten Aufruf.“

Oder:

„Sachspenden können ausschließlich an dieser Stelle abgegeben werden.“

So deutlich, dass auch der letzte Mensch, der gerade voller guter Absichten seinen Anhänger beladen möchte, versteht:

Du musst heute nicht der große Held sein.

Vielleicht hilfst du gerade am meisten, indem du zu Hause bleibst.

Das ist keine Geringschätzung von Hilfsbereitschaft.

Ganz im Gegenteil.

Es bedeutet, denjenigen zu vertrauen, die dafür ausgebildet sind, eine solche Lage zu führen.

Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die gar nichts bringen wollen.

Die einfach mal gucken möchten.

Vielleicht noch schnell ein schönes Bild.

Ein Video.

Ein bisschen näher ran.

Auch hier gilt:

Nicht derjenige, der das beste Bild vom Einsatz knipst, wird zum Tagessieger ernannt.

Vielleicht eher zum Tagesdeppen, der nicht verstanden hat, was koordinierte und durchorganisierte Hilfe bedeutet.

Ein Einsatzgebiet ist keine Kulisse.

Einsatzkräfte sind keine Darsteller.

Und eine Katastrophe ist kein Content.

Wer helfen möchte, muss nicht möglichst nah dran sein.

Manchmal beweist man gerade dadurch Verantwortung, dass man Abstand hält.

Und weil wir einen weiteren Kommentar schon kommen sehen:

„Während andere da draußen löschen, sitzt ihr da und schreibt Texte. Damit ist auch niemandem geholfen.“

Stimmt.

Mit diesem Text löschen wir keinen einzigen Quadratmeter Wald.

Wir schleppen keinen Schlauch.

Wir versorgen keinen Feuerwehrmann mit Trinkwasser.

Und wir haben auch nie behauptet, dass wir das mit einem Text könnten.

Unsere Aufgabe ist an dieser Stelle eine andere.

Wir reden darüber.

Wir hinterfragen.

Wir versuchen aufzuklären.

Und vielleicht liest diesen Text heute jemand, der beim nächsten großen Einsatz seinen Anhänger bereits beladen hat – und dann noch einmal darüber nachdenkt, ob er wirklich losfahren sollte.

Vielleicht fragt er vorher nach.

Vielleicht wartet er auf einen offiziellen Aufruf.

Vielleicht hält er eine Zufahrt frei.

Oder vielleicht bleibt er tatsächlich einfach zu Hause.

Dann hat ein Text keinen Waldbrand gelöscht.

Aber vielleicht einen Einsatz verhindert, der niemals hätte entstehen müssen.

Und deshalb möchten wir die Frage ausdrücklich an diejenigen weitergeben, die es wirklich wissen:

An Feuerwehrleute.

An das THW.

An das Deutsche Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen.

An Rettungsdienste.

An Katastrophenschützer.

An Menschen in Einsatzleitungen.

Was sollen Bürgerinnen und Bürger konkret tun, wenn sie in solchen Situationen helfen möchten?

Was hilft euch wirklich?

Was braucht ihr überhaupt nicht?

Ab wann wird private Hilfe zur Belastung?

Und wie können Behörden und Einsatzleitungen vielleicht noch deutlicher kommunizieren, damit selbst der Letzte versteht, dass „Bitte fernbleiben“ manchmal tatsächlich bedeutet: Du hilfst uns gerade, indem du nicht kommst.

Denn Hilfsbereitschaft ist etwas Großartiges.

Aber Hilfe braucht neben einem großen Herzen auch einen Kopf.

Manchmal bedeutet Helfen sammeln.

Manchmal spenden.

Manchmal einen offiziellen Aufruf teilen.

Manchmal genau das liefern, was angefordert wurde.

Manchmal warten.

Und manchmal bedeutet Helfen schlicht:

Den Profis Platz machen und verdammt noch mal wegbleiben, wenn sie sagen, dass wir wegbleiben sollen.

Denn am Ende zählt nicht, dass wir helfen wollten.

Es zählt, ob das, was wir getan haben, tatsächlich geholfen hat.

UNSICHTBAR e.V. | Mit Herz & Kante