5 Sterne
OBDACHLOSENURLAUB
Mittlerweile dürfte bekannt sein, dass ich nachts immer wieder selbst Meldungen anfahre.
Trotzdem schreibe ich deutlich weniger über unsere Einsätze als früher. Und ausgerechnet über die Nächte, in denen wirklich etwas Erzählenswertes passiert, schreibe ich häufig gar nichts.
Nicht alles, was wir erleben, gehört in die Öffentlichkeit. Nicht jede Begegnung braucht einen Beitrag und nicht jeder Mensch, dem wir nachts begegnen, muss anschließend Teil unserer Öffentlichkeitsarbeit werden.
Manchmal aber bleibt etwas hängen.
So wie dieses völlig bescheuerte Gespräch vor ein paar Nächten.
Es war warm. Verdammt warm.
Und einige der Menschen, die man sonst an bestimmten Stellen trifft, waren nicht da. Bei solchen Temperaturen passiert das. Schlafplätze verändern sich, Menschen ziehen sich zurück, suchen andere Orte.
Trotzdem macht man sich Gedanken.
Also fragte ich einen obdachlosen Menschen, den ich traf:
„Sag mal, wo sind denn alle?“
Er schaute mich an, als hätte ich gerade gefragt, warum es nachts dunkel ist.
„Die machen doch Urlaub.“
„Urlaub?“
„Ja.“
„Alle?“
„Keine Ahnung. Viele wahrscheinlich.“
Na wunderbar.
Obdachlosenurlaub.
Davon hatte ich auch noch nichts gehört.
„Und du?“
„Was ist mit mir?“
„Machst du keinen Urlaub?“
Er lachte.
„Wäre schon geil.“
„Dann machen wir jetzt Urlaub. Wo geht’s hin?“
Er überlegte.
„Meer.“
„Nordsee? Ostsee? Spanien? Mallorca?“
„Mir scheißegal. Hauptsache Meer.“
„Hotel?“
„Natürlich.“
Natürlich.
Entschuldigung.
Ich wollte den Mann offenbar gerade in eine Jugendherberge einquartieren.
„Wie viele Sterne?“
„Wie viele gibt’s?“
„Fünf.“
„Dann fünf.“
Der Mann hatte erstaunlich schnell verstanden, wie Urlaub funktioniert.
„Mit Pool?“
„Klar.“
„Du hast doch das Meer.“
„Und?“
Auch wieder wahr.
„All inclusive?“
Er sah mich an.
„Jetzt übertreib mal nicht.“
Da war also seine finanzielle Schmerzgrenze.
Fünf Sterne und Pool waren vollkommen angemessen.
All inclusive hingegen dekadent.
„Was muss dein Hotel unbedingt haben?“
Jetzt wurde er ernst.
„Ein Bett.“
„Das wäre selbst bei zwei Sternen drin.“
„Eine Dusche.“
„Eigene?“
„Natürlich eigene. Ich hab fünf Sterne!“
Stimmt.
Hatte ich schon wieder vergessen.
„Fernseher?“
„Egal.“
„Minibar?“
„Was ist da drin?“
„Getränke. Kleine Flaschen. Snacks.“
„Kostet das extra?“
„Meistens.“
„Dann scheiß auf die Minibar.“
Der Mann konnte Urlaub.
„Balkon?“
„Kann.“
„Meerblick?“
„Muss.“
Aha.
Jetzt kamen wir langsam doch in die gehobene Kategorie.
„Frühstück?“
„Natürlich.“
„Buffet?“
„Klar.“
„Was gibt’s?“
„Kaffee. Brötchen. Käse. Wurst.“
Kurze Pause.
„Ei.“
„Gekocht?“
„Auch.“
„Was heißt auch?“
„Rührei.“
„Beides?“
Er schaute mich an, als hätte ich den Sinn von Urlaub noch immer nicht verstanden.
„Ich hab fünf Sterne.“
Stimmt.
Ei sehr wichtig.
„Und danach?“
„Was danach?“
„Was machst du den ganzen Tag?“
„Nichts.“
„Du bist am Meer.“
„Ja.“
„Ausflug?“
„Nein.“
„Boot fahren?“
„Nein.“
„Sehenswürdigkeiten?“
„Nein.“
„Dann liegst du zwei Wochen nur rum?“
„Eine Woche reicht.“
„Und in der Woche machst du nichts?“
„Genau.“
„Das ist doch langweilig.“
Er sah mich an.
„Morgens aufstehen. Kaffee trinken. Frühstücken. Ans Meer. Zurückkommen. Duschen. Hinlegen. Und ich weiß abends schon, wo ich schlafe.“
Stille.
„Klingt geil, oder?“
Ich musste grinsen.
„Klingt geil.“
Punkt für ihn.
Also planten wir weiter.
Keine Termine.
Keine Uhr.
Kein Gedanke daran, wo man abends bleibt.
Keine Suche nach einer Toilette.
Keine Frage, wo man sich waschen kann.
Und morgens nicht kontrollieren müssen, ob noch alles da ist.
„Was nimmst du eigentlich mit?“
„Wohin?“
„In den Urlaub.“
„Meine Sachen.“
„Ja, aber was packst du in den Koffer?“
Er schaute an sich herunter.
Dann neben sich.
Dann wieder zu mir.
„Welchen Koffer?“
Scheiße.
Punkt schon wieder für ihn.
„Dann kaufen wir einen.“
„Wozu?“
„Für den Urlaub.“
„Damit ich meine Sachen aus der Tasche in einen Koffer packe und den Koffer dann wieder mit mir rumschleppe?“
„So macht man Urlaub.“
„Ihr seid schon komisch.“
Jetzt bekam ich langsam das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen.
Wir standen noch eine ganze Weile dort und planten.
Fünf Sterne.
Pool trotz Meer.
Meerblick zwingend.
Minibar gestrichen.
Eine Woche.
Keine Ausflüge.
Und selbstverständlich Frühstück.
Mit Ei.
Ei sehr wichtig.
Irgendwann fragte er mich:
„Warum wolltest du eigentlich wissen, wo die alle sind?“
„Weil ich mich gewundert habe. Bei der Hitze sind viele von den üblichen Schlafplätzen weg. Ich meinte die anderen obdachlosen Leute.“
Stille.
Er schaute mich an.
Ich schaute ihn an.
„Ach so.“
„Ja.“
Noch mehr Stille.
Dann fing er an zu lachen.
„Ich dachte, du meinst die anderen.“
„Welche anderen?“
„Na, die Urlaub machen.“
Und da standen wir.
Zehn Minuten Urlaubsplanung.
Fünf-Sterne-Hotel.
Pool.
Meerblick.
Ein Koffer, den kein Mensch braucht.
Und natürlich zwei Eier in unterschiedlichen Aggregatzuständen.
Nur hatten wir die ganze Zeit über zwei vollkommen verschiedene Dinge gesprochen.
Vielleicht weil Urlaub für viele von uns so selbstverständlich ist.
Wir planen ihn.
Wir freuen uns darauf.
Wir packen unsere Sachen.
Vielleicht fahren wir weg, vielleicht bleiben wir einfach zu Hause.
Für ein paar Tage soll der Alltag Pause machen.
Und irgendwann geht er weiter.
Auch Menschen, die sich sozial engagieren, brauchen solche Pausen.
Ehrenamt darf Pause machen.
Menschen dürfen müde sein.
Menschen dürfen sagen:
Jetzt brauche ich ein paar Tage für mich.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Nur kam mir nach diesem Gespräch eine Frage in den Kopf:
Wenn wir Pause machen können – wer kann es eigentlich nicht?
Der Mann vor mir jedenfalls nicht.
Seine Obdachlosigkeit würde am nächsten Morgen noch da sein.
Und am übernächsten.
Am Wochenende.
Während der Sommerferien.
An unserem ersten Urlaubstag genauso wie an unserem letzten.
Obdachlosigkeit kennt keine Ferien.
Sie findet 365 Tage im Jahr statt.
Vielleicht ist genau das etwas, woran wir uns alle gelegentlich erinnern sollten, wenn wir Teil eines Vereins, eines Hilfsprojektes oder eines sozialen Netzwerkes sind.
Nicht mit schlechtem Gewissen.
Sondern mit einer einfachen Frage:
Haben wir eigentlich darüber gesprochen, was mit den Menschen passiert, während wir gerade nicht da sind?
Vielleicht hat jemand anderes übernommen.
Vielleicht gibt es Absprachen.
Vielleicht funktioniert das Netzwerk hervorragend.
Dann ist alles gut.
Und wenn wir auf diese einfache Frage gerade keine Antwort haben, ist das auch eine Antwort.
Vielleicht liegt genau darin der Sinn eines guten Netzwerkes:
Nicht darin, dass jeder immer da sein muss.
Sondern darin, dass Menschen Pause machen können, ohne dass Hilfe Pause machen muss.
Ich werde jedenfalls noch eine ganze Weile an diesen bescheuerten Obdachlosenurlaub denken.
Fünf Sterne.
Meerblick.
Pool.
Keine Minibar.
Und Frühstück.
Mit Ei.
Ei sehr wichtig.
Eigentlich fehlt nur noch eine Kleinigkeit:
ein Datum, an dem seine Obdachlosigkeit endlich auch mal Urlaub macht.