Vor ein paar Tagen….

Vor ein paar Tagen klingelte unser Telefon.

Am anderen Ende meldete sich eine Frau.

Ihre Stimme war ruhig. Fast schon zu ruhig.

„Ich möchte euch um nichts bitten. Ich möchte nur, dass endlich mal jemand darüber schreibt, wie sich Depressionen wirklich anfühlen. Nicht so, wie man sie erklärt. Sondern so, wie sie sich anfühlen.“

Ich war einen Moment still.

„Darf ich fragen, warum ausgerechnet wir?“

„Weil ich eure Beiträge lese. Ihr schreibt über Menschen. Und manchmal trefft ihr genau den Punkt.“

Plötzlich wurde sie unsicher.

„… Ach, entschuldige bitte. Ich bin jetzt einfach davon ausgegangen, dass du die Texte schreibst. Vielleicht stimmt das ja gar nicht. Das wollte ich überhaupt nicht voraussetzen.“

„Doch“, antwortete ich. „Du liegst richtig. Die meisten längeren Beiträge stammen tatsächlich von mir.“

Es wurde kurz still.

„Okay …“, sagte sie leise. „Dann erzähle ich dir jetzt, warum ich eigentlich angerufen habe.“

Und dann begann sie.

„Weißt du, die meisten denken, Depression bedeutet traurig zu sein.

Aber Traurigkeit ist, wenn du weinst.

Depression ist, wenn du gar nichts mehr fühlst.

Sie ist ein Wecker, der seit zwanzig Minuten klingelt, während du an die Decke starrst und trotzdem nicht aufstehen kannst.

Sie ist eine Zahnbürste, die vor dir liegt, aber sich anfühlt, als würde sie zehn Kilo wiegen.

Sie ist ein Handy, das klingelt, und obwohl dort der Name eines Menschen steht, den du magst, schaffst du es nicht, dranzugehen.

Sie ist ein Brief, den du jeden Tag siehst und trotzdem wochenlang ungeöffnet liegen lässt.

Sie ist die Angst, einkaufen zu gehen, weil du hoffst, niemandem zu begegnen.

Sie ist das schlechte Gewissen, weil du schon wieder jemanden enttäuscht hast.

Sie ist die Scham, weil du dich für etwas entschuldigst, wofür du gar nichts kannst.

Und irgendwann entschuldigst du dich sogar dafür, dass es dich überhaupt gibt.“

Ich sagte nichts.

Weil ich merkte, dass sie gerade nicht nach Antworten suchte.

Sie wollte einfach, dass jemand versteht.

Nach einer längeren Pause fragte ich sie:

„Was war für dich das Schlimmste?“

Sie antwortete ohne zu überlegen.

„Nicht die Depression.

Die Menschen.

Die Blicke.

Die Sprüche.

‚Du musst nur mal raus.‘

‚Reiß dich zusammen.‘

‚Andere haben es doch auch nicht leicht.‘

Irgendwann fängst du an zu glauben, dass sie recht haben.

Und genau dann wird die Depression noch lauter.“

Während sie sprach, musste ich an die Menschen denken, denen ich nachts begegne.

Wie muss sich eine Depression anfühlen, wenn du zusätzlich kein Zuhause mehr hast?

Wenn deine Parkbank dein Bett ist.

Wenn du nicht weißt, ob du heute überhaupt etwas essen wirst.

Wenn du frierst.

Wenn du niemanden hast, der fragt, wie es dir geht.

Vielleicht erklären genau solche Gedanken, warum manche Menschen irgendwann einfach nicht mehr können.

Am Ende unseres Gesprächs sagte sie nur einen Satz:

„Danke, dass du zugehört hast.“

Genau deshalb habe ich diesen Text geschrieben.

Nicht, um Depressionen zu erklären.

Sondern um ihnen für einen Moment eine Stimme zu geben.

Ich könnte sie anrufen.

Ihre Telefonnummer habe ich.

Aber ich werde es nicht tun.

Ich möchte, dass sie selbst entscheidet, ob sie sich irgendwann noch einmal meldet.

Sollte sie diese Zeilen lesen, dann hoffe ich, dass sie weiß:

Ich habe versucht, ihrem Wunsch gerecht zu werden.

Und vielleicht liest diesen Beitrag gerade jemand, der sich in diesen Zeilen wiederfindet.

Dann möchte ich dir eines sagen:

Du bist mit diesem Kampf nicht allein.