Bambis Augen

Donnerstagnachmittag um 14:00 Uhr, welch ein Glück, der Vortrag an einer Hagener Realschule beginnt erst um 14:00 Uhr.
Die Augen kaum geöffnet und schon geht es los. Die letzten Tage waren nicht ohne – tagsüber wichtige Termine, nachts auf der Straße.
Kurz vor 20:00 Uhr treffe ich mich mit Susanne am Lager, danach geht es zum DRK, wo schon auf uns gewartet wird und wir uns zu den Menschen auf der Straße begeben, die sich freuen, wenn wir erscheinen.
Die ersten Stellen sind irgendwie wie immer. An einer Stelle, ganz neu, sitzt ein Herr, der sonst woanders ist, aber er freut sich, uns zu sehen, braucht aber nichts und lächelt uns freundlich an. „In den Augen der Menschen“, sagt Susanne, „siehst du sehr oft, wie es ihnen geht.“ Dieser Mensch – ja, natürlich, er ist obdachlos, und bestimmt geht es ihm nicht gut, aber für den Moment haben die Augen etwas Freude versprüht, ein kleines bisschen Dankbarkeit, dass es Menschen gibt, die sie nicht wie einen Penner oder Abschaum der Gesellschaft ansehen, sondern einfach wie Menschen behandeln.
Das DRK bietet Nudeln mit Tomatensuppe an, und diese werden gerne genommen, aber auch bei uns wächst die Schlange für Eistee und Terrinen.
Nicht alle Augen waren dort, wo so viele waren – irgendwie auf ihre Art und Weise voller Leben – viele von ihnen waren leider sehr leer und traurig – viel zu viele eigentlich.
So etwas macht uns natürlich auch traurig, nimmt uns mit und nagt sich in unserer Seele fest.
Um 23:30 Uhr endet die Frühschicht, und als ich zu Hause ankomme, klingelt das Telefon.
Die Polizei Hagen fragt uns an – ein Herr ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden und braucht jemanden zum Reden.
Also raus und noch kurz ins Lager, weil ich den Meldewagen nicht aufgefüllt hatte, und dann passierte es.
Mitten im Wald sah ich durch den Rückspiegel in zwei Augen, die ich nie vergessen werde.
Braune große Teddybäraugen, die gar nicht wussten, was passiert war, schlenderten benommen in den Wald und verschwanden in der Dunkelheit.
Es war Bambi, und ich habe Bambi angefahren, und soll ich euch mal was sagen?
Wir erleben Kummer und Elend – jeden Tag so viel Schlimmes und Trauriges, aber dass ich Bambi angefahren habe, das hat mein Herz bluten lassen.
Ich habe heulend im Wagen gesessen, mir Rotz und Wasser aus dem Gesicht gewischt, die Polizei angerufen und Bescheid gegeben.
Danach ging es dann nach Hagen, wo ich mir die Lebensgeschichte von einem älteren Herrn angehört habe und ihn irgendwann mit einem Taxi nach Hause geschickt habe, damit er dann irgendwann heil ankommt.
Seine Augen waren glücklich, glücklich darüber, jemandem sein Leben erzählt haben zu können, glücklich, sagen zu dürfen, dass es ihm schlecht geht, und niemand ihn dafür verurteilt.
Danke an die Polizei Hagen und auch an die Feuerwehr Hagen, dass ihr uns ruft, wenn wir gebraucht werden.
Jetzt sitze ich hier und mache mir Gedanken um Bambi – hoffentlich hat es das arme Tier nicht zu sehr getroffen und es steht jetzt irgendwo im Wald herum und erkundet die Gegend.

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