Bochum
Es gab eine Zeit, da waren wir regelmäßig in Bochum unterwegs.
Bis zu dem Punkt, an dem man uns ziemlich deutlich vermittelt hat, dass wir dort nicht erwünscht sind.
Warum genau? Ehrlich gesagt wissen wir das bis heute nicht wirklich.
Damals gab es Gespräche, in denen uns erklärt wurde, dass es in Bochum kaum obdachlose Menschen gäbe. Fünf war damals die Zahl. Fünf Menschen. Die Zusammenarbeit untereinander sei so gut, dass kaum jemand auf der Straße leben müsse.
Nun ja.
Heute war ich eigentlich wegen einer Meldung in Witten unterwegs. Auch wenn wir im Sommer unsere Touren bewusst etwas herunterfahren, fahre ich weiterhin auf Meldungen raus. Die heutige war die dritte Meldung in dieser Woche, die siebte in den letzten zwei Wochen, die neunte in den letzten drei Wochen und die zwölfte im letzten Monat.
Während ich in Witten war, erreichte mich eine weitere Meldung.
Aus Bochum.
Ausgerechnet Bochum.
Der Stadt, in der es angeblich kaum obdachlose Menschen gibt.
Der Stadt, aus der wir uns zurückgezogen haben, weil wir irgendwann keine Lust mehr auf Diskussionen, Gerede und unnötigen Stress hatten.
Und plötzlich stand ich wieder dort.
Vor einem Menschen, dem es offensichtlich alles andere als gut ging.
Meiner Meinung nach gehörte diese Person ins Krankenhaus. Wie die Situation entstanden ist, weiß ich nicht. Das steht mir auch nicht zu zu beurteilen.
Fakt ist nur: Es ging diesem Menschen schlecht. Sehr schlecht.
Natürlich habe ich angeboten, einen Krankenwagen zu rufen. Natürlich habe ich versucht zu reden.
Aber manchmal wollen Menschen das einfach nicht.
Nicht ins Krankenhaus.
Nicht zurück in irgendwelche Systeme.
Nicht zurück in Gespräche.
Und dann bleibt oft nur eins:
Da sein.
Also habe ich geholfen, soweit Hilfe angenommen wurde.
Ein Schlafsack.
Ein Gespräch.
Ein bisschen Menschlichkeit.
Danach verschwand die Person wieder in der Nacht.
Und während ich zurückfuhr, musste ich an die Aussage von damals denken.
Fünf obdachlose Menschen.
Vielleicht sollte man solche Zahlen einfach nicht zu laut aussprechen. Denn die Straße interessiert sich nicht für Statistiken. Die Straße interessiert sich nicht für Zuständigkeiten. Die Straße interessiert sich nicht dafür, wer recht hat.
Die Menschen sind trotzdem da.
Und wenn sie Hilfe brauchen, dann brauchen sie Hilfe.
Unser Versprechen gilt deshalb bis heute:
Wenn Menschen uns brauchen, sind wir da.
Nicht für Ruhm.
Nicht für Applaus.
Nicht für irgendwelche Machtspiele zwischen Vereinen, Einrichtungen oder Organisationen.
Sondern für Menschen.
Und bevor wieder Fragen kommen, warum wir nicht jede einzelne Meldung posten:
Weil die Tage und Nächte manchmal einfach zu lang werden.
Weil vieles gleichzeitig passiert.
Weil auch wir Menschen sind.
Meine Wohnung muss immer noch gemacht werden. Vieles sitzt noch tief. Manche Dinge verarbeitet man nicht einfach innerhalb weniger Wochen.
Und ja, auch wenn das für manche widersprüchlich klingt:
Ich trauere noch immer.
Trotzdem gebe ich weiterhin 100 Prozent für UNSICHTBAR e. V.
Vielleicht manchmal etwas leiser als früher.
Aber ich bin noch da.