Der Blick in den Himmel

Heute war ich, wie bereits geschrieben, bei Spotrepair Erthel in Wuppertal.

Dort fand wieder das Sommerfest statt. Wie schon in den vergangenen Jahren wurde nicht nur gefeiert, sondern auch an andere gedacht.

Irgendwann klingelte mein Telefon.

Eine besorgte Anwohnerin aus Hagen meldete sich. Eine obdachlose Person würde seit längerer Zeit in der prallen Sonne liegen.

Tagsüber sind wir eigentlich nicht dran.

Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Vor allem bei fast 37 Grad.

Also Sommerfest verlassen und Richtung Hagen gefahren.

Vom äußersten Eck von Wuppertal bis etwas außerhalb von Hagen zieht sich so eine Fahrt dann doch ein wenig.

Unterwegs fragte ich mich, wie lange die Person dort wohl schon gelegen hatte.

Ob sie einfach nur schlief.

Ob es ihr gut ging.

Oder ob vielleicht doch etwas Ernstes dahintersteckte.

Als ich ankam, war niemand mehr da.

Ist manchmal so.

Lieber einmal zu viel gefahren als einmal zu wenig.

Also wieder zurück.

Danach durfte ich gefühlt jede Umleitung zwischen Hagen und Ennepetal persönlich kennenlernen. Als das endlich geschafft war, gab es noch ein bisschen Privatleben und irgendwann landete ich endlich auf der Couch.

Kaum lag ich, war ich eingeschlafen.

Irgendwann war ich dann pünktlich zum Fußballspiel wieder wach.

Ein Fußballspiel, das mich eigentlich gar nicht interessiert.

Währenddessen schrieb mir eine liebe Freundin.

Sie erzählte von einem Ort.

Mitten in der Natur.

Still.

Ruhig.

Ein Ort, an dem man sich einfach ins Gras legen und durch die Bäume in den Himmel schauen kann.

Und während ich ihre Nachricht las, fragte ich mich etwas.

Wann habe ich das eigentlich das letzte Mal gemacht?

Einfach nur gelegen.

Einfach nur gedacht.

Ohne irgendwo hinzumüssen.

Ohne etwas organisieren zu müssen.

Ohne dass ein Telefon klingelt.

Vielleicht sind solche Orte wichtig.

Nicht weil dort etwas passiert.

Sondern weil dort nichts passiert.

Und genau dann fangen die Gedanken an.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich Begegnungen oft nicht loslassen.

Weil ich selten nur den Menschen sehe.

Sondern mich frage, was aus ihm wird, wenn sich unsere Wege wieder trennen.

Gerade als Halbzeit war, klingelte mein Telefon erneut.

Diesmal traf ich eine junge Frau.

Ihre Geschichte ist so lang, so traurig und so schwer, dass ich sie hier gar nicht erzählen möchte.

Manche Geschichten gehören nicht ins Internet.

Sie gehören den Menschen, die sie erlebt haben.

Sie wollte weiter Richtung Norden.

Dort lebt Familie.

Also gab es etwas für ihren kleinen Hund.

Etwas für sie.

Und einen nagelneuen Rucksack.

Manchmal passt erstaunlich viel Hoffnung in einen Rucksack.

Der kleine Wollknäuel bekam ebenfalls etwas.

Und ich glaube, beide waren zufrieden.

Nicht nur wegen der Dinge.

Manchmal ist ein offenes Ohr mehr wert als alles andere.

Als ich später wieder unterwegs war, hatte die Nationalelf aus einem 0:1 inzwischen ein 2:1 gemacht.

Die Stadt bestand gefühlt nur noch aus Hupkonzerten.

Nach Hause fahren war kaum möglich.

Also noch zum Bahnhof.

Dort freuten sich ebenfalls Menschen über den grünen Kangoo.

Einer sagte zu mir:

„Ich finde es beneidenswert, dass Menschen für euch wichtiger sind als ein Fußballspiel.“

Ich wusste gar nicht, was ich darauf antworten soll.

Vielleicht weil es sich für mich nie wie Verzicht anfühlt.

Vielleicht weil Fußballergebnisse morgen wieder vergessen sind.

Menschen aber nicht.

Und dann kam für mich der schönste Moment des Tages.

Jemand erzählte mir, dass er es geschafft hat.

Weg von der Straße.

Mit Unterstützung verschiedener professioneller Hilfsangebote.

Aber vor allem mit eigener Kraft.

Und da stand er nun.

Nicht als obdachloser Mensch.

Nicht als Meldung.

Nicht als Fall.

Sondern einfach als Mensch.

Ich habe mich wirklich gefreut.

Vor allem darüber, dass er etwas gefunden hat, das seinem Herzen guttut.

Etwas, das ihm Halt gibt.

Etwas, das ihm Kraft gibt.

Und deshalb hoffe ich, dass alles klappt.

Ich hoffe, dass er glücklich wird.

Und ich hoffe, dass ich ihn nie wiedersehen muss.

Ein wirklich schlimmer Satz.

Und gleichzeitig einer der schönsten, die man in unserer Arbeit sagen kann.

Und dieser Ort in der Natur?

Vielleicht sollte ich da tatsächlich mal hinfahren.

Nicht um Ruhe zu finden.

Sondern um den Gedanken einmal zuzuhören.

Denn vielleicht entstehen die wichtigsten Fragen gar nicht in Gesprächen.

Vielleicht entstehen sie in den stillen Momenten dazwischen.

Und eine Frage hat mich heute den ganzen Abend begleitet:

Ab wann ist ein Mensch eigentlich angekommen?

Wenn er einen Schlüssel in der Tasche hat?

Wenn er wieder eine Wohnung hat?

Wenn er wieder Pläne für nächste Woche macht?

Oder vielleicht erst dann, wenn er morgens aufwacht und keine Angst mehr vor dem nächsten Tag haben muss?

Kennst du die Antwort?