Danke!

Samstagnachts in der City…

Am 08.06.2024 fahren Andreas Ro. und ich (Karin) eine Nachttour, d.h., dass wir zwischen 22 und 23 Uhr ab Lager starten. Zunächst bleiben wir im Ennepe-Ruhr-Kreis, um nach einem Neuzugang zu schauen, ob alles soweit ok ist und ob wir helfen dürfen/können. Im Team tauschen wir uns aus, ob es Neuzugänge gibt, neue Anlaufstellen oder Besonderheiten – so können wir individueller auf obdachlose Menschen eingehen, der Kontakt wird persönlicher.

Mein Namensgedächtnis ist nicht gerade das beste und ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder mal einen der Menschen, die zu uns an den Kangoo kommen, mit Namen begrüßen kann. Und wenn ich für unsere Ausgabeliste zum wiederholten Male nach dem Namen fragen muss und ein „immer noch XY“ kommt, dann entschuldige ich mich und sage, dass ich es bis zum nächsten Mal ganz bestimmt weiß! Zumindest nehme ich mir das ganz fest vor…

Es ist ein Zeichen von Respekt, Menschen mit dem Namen anzusprechen und gerade diese Menschen erfahren in der Regel nicht den Respekt, den auch sie, die am Rande unserer Gesellschaft leben, verdient haben. Ich freue mich auch jedes Mal, wie sie reagieren, wenn man sie erkennt, anspricht, nach dem Befinden und vielleicht auch nach dem zuletzt Erzählten fragt. Man merkt, wie gut es ihnen tut und unser Interesse ist auch nicht gespielt – sonst würden wir ja kaum dieses Ehrenamt mit so viel Herzblut ausführen!

In diesem Zusammenhang möchte ich kurz was sehr Persönliches loswerden: Als ich von einem Mitglied erfahren habe, dass es einem obdachlosen Menschen sehr schlecht ging, der Rettungswagen bereits vor Ort war und die Stadt stimmte, hatte ich sofort wieder Angst um „Rudi“. Wer mitliest weiß mittlerweile, wie wichtig es für mich ist, dass es gerade ihm gut geht – soweit man im Zusammenhang mit Obdachlosigkeit von „gut gehen“ sprechen kann. Ich fragte besorgt nach – es handelte sich nicht um „Rudi“… 🙏🏻
Wir treffen niemanden an der angefahrenen Stelle an und fahren weiter, wie meistens mit kleinen Schlenkern und auf der Suche. Für einen kurzen Plausch mit der Polizei ist natürlich immer Zeit.

Es ist noch ziemlich warm, die Menschen zieht es auch nachts wieder nach draußen in die City, es ist Samstag und es sind noch etliche Gastronomiegeschäfte geöffnet, vor denen viele Nachschwärmer stehen oder sitzen, reden, essen, trinken. In dieser Szene fühlen sich obdachlose Menschen nicht wohl, eher bedroht – und zeigen sich nicht. Sicherheitshalber rollen wir durch die Fußgängerzone und erwartungsgemäß ist keiner unserer Bekannten unterwegs. Wir fahren noch eine weitere Anlaufstelle an, aber Hilfe ist nicht erwünscht. So geht’s dann wieder Richtung Innenstadt zu einer Anlaufstelle, an der wir von weitem einige erkennen, die gleich zu uns stoßen werden. Ich parke den Kangoo – und schon kommen sie aus verschiedenen Richtungen. Als wir Luthers Waschsalon erwähnen zur Unterstützung von Themen, die wir nicht abdecken können, kommt von einem Herrn ein Wortspiel mit Martin Luther. Ein Neuzugang, der heute erst in Hagen eingetroffen ist, macht mit – und wir lachen alle herzlich.

Wieder gibt es was zu lachen: Ein Herr wünscht immer wieder „Pirre“, mit Betonung auf der 1. Silbe und rollendem „r“. Andreas und ich sind ratlos, ich schaue fragend in die Runde, ob jemand übersetzen kann – ohne Erfolg. Wir wissen noch nicht mal die Richtung… Andreas hält fragend Terrinen hoch – plötzlich fällt der Groschen: Kartoffelpüree… Ich schlage mir mit einer Hand vor die Stirn – klar, was sonst… 🙄
Einem guten Bekannten erklären wir, dass wir keine Medikamente verteilen – wir dürfen es gar nicht. Er kennt den Namen des Medikamentes, schreibt ihn in seine Hand mit der Bitte, das an „Chef“ weiterzugeben. Nein – auch Holger kann hier nicht helfen. Wir raten ihm eindringlich, sich an Luthers Waschsalon zu wenden. Die Adresse kennt er, offenbar hat er zu uns mehr Vertrauen, denn es ist bereits mindestens das 2. Mal, dass wir an Luthers Waschsalon verweisen. Ein anderer Herr äußert sich begeistert über diese Anlaufstelle – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an #lutherswaschsalon, mit dem wir eng vernetzt sind, für die großartige Arbeit und Zusammenarbeit!

2 Passanten kommen auf uns zu, einer von beiden trägt einen Schottenrock, der andere hat seinen Bart zu einem Zopf gebunden. Er schwenkt einen 10-Euro-Schein, sagt, wie toll er unsere Arbeit findet und dass er gerne spenden würde. Diese spontanen Spenden sind einfach klasse! Wir freuen und bedanken uns und der 10er landet im Lager in der Spendendose…

Es ist kurz vor 2 Uhr, hier gibt es nichts mehr für uns zu tun. Wir haben geholfen, geredet, gelacht. Andreas verriegelt die Schubladen, Heckklappe runter, gute Wünsche für die Nacht – und dann geht’s zurück zum Lager.
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EHRENAMT BEI UNSICHTBAR e. V.
Das Ehrenamt bei UNSICHTBAR e. V. besteht nicht ausschließlich aus der Arbeit auf der Straße. Bring dich zum Beispiel in der Fahrzeugpflege mit ein, sortiere, packe und waschen und reinige regelmäßig unsere Fahrzeuge, denn auch das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe.
Werde Teil von etwas Großem – werde ein Teil von UNSICHTBAR e. V.“
Wir sind müde und zufrieden.