Eine andere Nachttour

Es schien mir so, als würde die mehr als erfolgreiche Woche, in der wir viele interessante Gespräche führen durften und auch eine Vielzahl an neuen Netzwerken knüpfen konnten, sowie weiterführende Kontakte mit Behörden ausbauen durften, mit meiner heutigen Nachttour irgendwie ein Ende gefunden zu haben.
 
Ich war einen Moment lang zugegeben etwas deprimiert und das auch nicht ohne Grund, denn an einer Stelle in Hagen wurde ich darum gebeten einen Schlafsack zu bekommen und nach einem erfolglosen Griff ins Fahrzeug, hörte ich dann, dass das der Person dann heute zum zweiten Mal passiert wäre und sie darum gebeten hätte uns zu kontaktieren, was aber nicht passiert ist.
 
Schade wenn man etwas verspricht, es dann aber doch nicht macht.
 
Nun ja, das war nun mehr als dumm gelaufen. Also machte ich mich auf den Weg ins Lager und besorgte Nachschub und als ich dann wieder an der Stelle angekommen war, war dann die Person aber verschwundibus – guckste doof, machste nichts.
 
Letztendlich ist aber keine Fahrt umsonst, sie machen uns alle nur immer noch klüger und werden mich beim nächsten Tourstart dann zweimal hingucken lassen, ob auch wirklich alles an Bord ist.
 
Trotzdem war es irgendwie eine doofe Situation – ich hätte gerne geholfen, als ich wieder kam.
 
Dann fuhr ich durch die Stadt, wo mich aus einer Ecke zwei teddybärgroße Augen anschauten, es waren die eines süßen kleinen Hundes, neben dem ich einen obdachlosen Herren liegen sah.
 
Auf meine Frage, ob er etwas bräuchte, sagte er, dass ich doch bitte weiterfahren möchte.
 
Ok – Wunsch erfüllt, aber auch hier war es eine doofe Situation und ich hätte den beiden wirklich gerne geholfen, sei es nur dadurch das ich den Fiffi mal über den Kopf gestreichelt hätte.
 
Aber was nicht ist – ist eben nicht.
 
Dann ging es für mich weiter durch verschiedene Straßen und Ecken, einige bin ich dann aber doch nicht angefahren, weil sie für eine Person, einfach zu extrem gewesen wären und die eigene Sicherheit letztendlich Vorrang hat.
 
Also nochmal zur ersten Stelle, wo ich die beiden freundlichen Herren der DB-Sicherheit antraf, mit denen wir regelmäßig sprechen und die wir auch schon nicht mehr mit einem einfachen Handschlag begrüßen, sondern mit einer Umarmung.
 
Während wir also dort dann mal wieder so sprachen, kamen viele Menschen auf mich zu und erzählten mir viele Sachen über andere aber auch über andere Menschen und was sie stören würde, was sie erlebt haben, was ihnen an dem Tag ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hatte und auch was sie traurig gemacht hatte.
 
Letzteres kam mir bekannt vor, denn mir steckten noch die zwei anderen Menschen in den Knochen, denen ich nicht helfen konnte.
 
So ist da nun einmal, wenn man von Natur aus, mehr mit anderen leidet, als viele andere es tun.
 
Und dann erlebte ich etwas, dass auch ich noch nie so gesehen hatte. Mich sprach ein Mann an und fragte nach einer Suppe – als ich ihn anschaute, fragte ich, ob es ihm gut gehen würde, denn er sah nicht wirklich gut aus.
 
Ich habe in der ganzen Zeit schon viele verschiedene Menschen getroffen und habe gesehen, was Alkohol und Drogen aus Menschen machen können, habe erlebt, wie Menschen sich durch Drogen verändert haben – nicht nur äusserlich auch vom Charakter her und ich habe miterlebt, wie Drogen einen auffressen können und das schreibe ich nicht nur so, das ist wirklich so. So manch ein Gesicht, fängt an zu zerfallen, offene Wunden – die nicht mehr heilen, entzündete Stellen auf der Haut, die man nicht beschreiben kann, aber das, was diesen Menschen widerfahren sein muss, durch den Konsum von Drogen, das hat mich heute sehr viel Kraft gekostet, um das überhaupt nur im Ansatz realisieren zu können.
 
Drogen sind die Hölle und die Hölle muss dieser Mensch schon mehrfach durchlaufen sein, denn so ein schreckliches Bild, habe selbst ich noch nie gesehen.
 
Kurz drauf sprach mich eine junge Frau an, ob ich wüsste, wann vielleicht noch ein anderer Zug nach Köln fahren würde, worauf ich sagte, dass wenn nichts anderes ausgeschrieben steht, wohl auch kein anderer Zug kommen würde.
 
Das erfreute sie nicht wirklich, weil ihr Akku kurz davor war, auszugehen.
Ich machte mir aber weniger Sorgen um den Akku, vielmehr machte ich mir Sorgen um die junge Dame, denn morgens um 03:00 Uhr allein am HBF von Hagen zu stehen, ist jetzt nicht die beste Idee.
 
Dann machte ich ihr erstmal einen Kaffee, steckte ihr Handy an mein Ladekabel im Auto und die DB-Sicherheit und ich setzen uns zu ihr und plauderten eine ganze Weile mit ihr. Bei der DB-Sicherheit war sie in guten Händen, solange bis dann der Zug kommen sollte.
 
Ein weiteres Gespräch führte ich auch mit zwei sehr freundlichen Polizisten, welches ausgiebig und auch länger dauerte.
Danke dafür
 
Und dann mussten die Beamten ihren Dienst fortsetzen und ich mich um weitere Seelen der Nacht kümmern und im Anschluss dann noch das Gespräch mit der jungen Frau fortsetzen, bis zu dem Punkt – ich meine – es war kurz vor 4:00 Uhr, dass ich mich dann auf den Heimweg machte.
 
Es war letztendlich eine gute Idee dann heute Nacht doch noch eine Tour zu fahren – auch wenn sie mir hier und das viel Kraft gekostet hat, mich viel zum nachdenken brachte und wieder einmal erfuhren lies, dass nicht jeder seine Versprechen einhällt, aus welchen Gründen auch immer und es war eine eindrucksvolle aber auch erschreckende Tour, mit allem drum und dran, was eine solche Nacht zu bieten hat.