Schwer bewaffnet

Schwer bewaffnet stehen Polizisten vor einem Gebäude, in dem keine Menschenseele ist, und bewachen es.
Eine Mutter prügelt ihr Kind aus der Wohnung und überlässt es der Nacht.
Die Beine voller Wasser, das Gesicht aufgedunsen, die Augen verblasst und auf ein Lächeln zu hoffen – vergebens.
Entspannt, locker und flockig, mit einer kleinen Prise Verrücktheit und absoluter Ehrlichkeit – zugegeben auch mit Ironie und etwas Sarkasmus – dafür aber ehrlich freundlich und vor allem – frei heraus, sowie einem quasi der Mund gewachsen ist.
Anfangs fiel mir die Kinnlade runter. Wie kann man denn nur mit einem Menschen so reden, so auf einen Menschen zugehen, wie geht denn das? Darf man das?

Mittlerweile weiß ich es und sehe immer mehr, wie die Menschen um mich und um uns herum diese Art und Weise begrüßen.
Nur kann man es nicht einfach so beschreiben, man muss es erleben.

Und während wir uns Gedanken über den Stil und der richtigen Anrede machen, wie man auf obdachlose Menschen zugehen sollte, stehen sie noch immer da, die Menschen, die ein Haus bewachen. Die Menschen, die genauso sind wie du und ich, darüber hinaus aber die Aufgabe haben, uns alle Sicherheit zu geben, es sind die Menschen, die sich oft wünschen, mit Respekt und Anstand behandelt zu werden. Warum?
Ganz einfach, weil sie es verdient haben!

Währenddessen weiß ich nicht, und es will auch einfach nicht in meinen Schädel hinein, warum eine Mutter ihr Kind verprügeln muss? Aber ich glaube, ich muss da auch nicht drüber nachdenken – lieber sollten wir glücklich darüber sein, dass die Feuerwehr Gevelsberg in Zusammenarbeit mit der Polizei uns angefragt hat, ob wir der jungen Frau etwas zu essen und trinken bringen können!?
Konnten wir…. und es wird sich um sie gekümmert!

Und während Gebäude bewacht werden und Menschen verprügelt werden, steht er da vor mir und zeigt mir sein Bein, das so voller Wasser ist, dass er es gar nicht mehr bewegen kann. Die Hoffnungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben, seine Aussicht auf Besserung? Ich glaube – er glaubt nicht mehr daran, auch wenn ich ihm zig mal sage, dass er sich behandeln lassen – er mich anschaut, nickt und ich weiß, dass er es nicht tun wird.

Und während Menschen mit einem sehr großen Herz (Das schreibe ich nicht nur einfach so, weil ich weiß, wovon ich rede – weil ich viele von ihnen kennenlernen durfte und ich dafür sehr dankbar bin, ihr Vertrauen geschenkt bekommen zu haben) weiterhin ein Gebäude bewachen und uns jeden Tag vor allem möglichen bewahren, ja auch ihr Leben riskieren, damit wir unseres Leben können, ruft mich das junge Mädchen morgens um kurz vor 5 Uhr an und sagt mir, dass sie Angst hat sich später bei der Stadt zu melden und gleichzeitig habe ich den Herrn vor Augen, dessen Augen kalt scheinen. – vor lauter Hoffnungslosigkeit und dann sehe ich wieder die vielen Menschen, die auf diese lockere und alberne Art und Weise echt gut klar kommen, jedenfalls besser, als würde man stock und steif vor ihnen stehen und ihnen das Gefühl geben, dass sie doch einfach nur obdachlos sind.

Meine Tour mit Jörn, der mich bis 23:30 Uhr begleitet hatte, war schon aufwühlend – die Nachtschicht im Anschluss daran war nicht viel weniger aufwühlend und interessant, denn wie immer sprachen wir mit denen, die ein Gebäude bewachen, durften helfen, wo Hilfe gebraucht wird, wurden emotional geflasht von Menschen, die keinen Ausweg mehr sehen und spürten tief in uns eine Traurigkeit, die uns nicht verstehen lässt, wie eine Mutter ihr Kind verprügeln kann.

Alles Gedanken, die vielleicht wirr erscheinen, aber würden sie klar sein, bestünde ja gar kein Grund dazu, über sie nachzudenken und euch darüber zu berichten.

Danke an die Polizei Hagen, der Polizei Ennepetal/Gevelsberg der Feuerwehr Gevelsberg und an all die Menschen, denen wir begegnen durften und die mit unserer Art klar kommen, wie wir ihnen begegnen und überhaupt danke, dass wir wieder einmal helfen durften.

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