Sonnenoberfläche

Heute bin ich wieder mittags losgefahren.

Eigentlich ist das nicht unsere Zeit. Wer UNSICHTBAR e.V. kennt, weiß, dass wir überwiegend nachts unterwegs sind. Dann, wenn andere schlafen. Dann, wenn Meldungen kommen. Dann, wenn Menschen Hilfe brauchen und oft niemand mehr hinsieht.

Aber manche Tage halten sich nicht an Zeiten.

Also habe ich Wasser eingeladen, Orangen eingeladen, mich ins Auto gesetzt und bin losgefahren.

Und während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass ich gar nicht genau weiß, worüber ich eigentlich schreiben möchte. Über die Menschen, die sich gefreut haben? Über die Dankbarkeit? Über die Scham? Über die Wut? Oder über die Gedanken, die man nicht einfach wieder aus dem Kopf bekommt.

Da waren heute Menschen, die die Flasche Wasser fast in einem Zug leer getrunken haben. Menschen, die gelächelt haben. Menschen, die einfach nur Danke gesagt haben. Und manchmal reicht genau dieses Danke aus, um einen ganzen Tag ein kleines Stück heller zu machen.

Aber da waren auch andere. Menschen, die mehr erwartet haben. Menschen, die mit Wasser nichts anfangen konnten. Menschen, die sagten: „Wenn du nichts zu essen dabei hast, kannst du dein scheiß Wasser auch behalten.“

Früher hätte mich so etwas wahrscheinlich geärgert. Heute frage ich mich eher, was ein Mensch erlebt haben muss, damit selbst eine Flasche Wasser nicht mehr als Hilfe ankommt.

Doch das war nicht das, was mir heute am meisten im Kopf geblieben ist.

Am meisten beschäftigt mich ein Mann, den ich getroffen habe.

Schon als ich näher kam, bemerkte ich den Geruch. Und nein, ich rede nicht von Körpergeruch. Ich rede von etwas, das man nicht vergisst. Von Urin. Von Hitze. Von Krankheit. Von Wunden. Von einem Körper, der offensichtlich schon viel zu lange kämpfen musste.

Mir wurde schlecht. Wirklich schlecht.

Und genau in diesem Moment wurde mir etwas bewusst.

Ich konnte einen Schritt zurückgehen. Er nicht.

Ich konnte später nach Hause fahren. Er nicht.

Ich konnte duschen. Er nicht.

Ich konnte frische Kleidung anziehen. Er nicht.

Manchmal reden Menschen über Obdachlosigkeit, als wäre sie ein Thema. Als wäre sie eine Statistik. Als wäre sie eine Diskussion. Aber manchmal steht sie plötzlich direkt vor einem. Mit einem Gesicht. Mit einem Namen. Mit einem Geruch. Mit Wunden. Und dann wird aus einem Thema wieder ein Mensch.

Natürlich habe ich mit ihm gesprochen. Natürlich habe ich ihm von den Einrichtungen erzählt. Von Orten, an denen er duschen kann. Wäsche waschen kann. Hilfe bekommen kann. Menschen trifft, die ihm helfen möchten.

Dann sagte er etwas, das mich seitdem nicht loslässt.

Er sagte, dass ihm das alles unglaublich peinlich sei. Dass er sich schäme. Und dass er später, wenn keine Menschen mehr unterwegs sind, wahrscheinlich irgendwo in einen Teich gehen wird, um sich wenigstens ein wenig zu waschen.

Nicht die Wunden haben mich in diesem Moment getroffen. Nicht der Geruch. Nicht die Hitze.

Sondern dieser Satz.

Weil ich plötzlich verstanden habe, wie schwer Scham werden kann. So schwer, dass sie größer wird als Vernunft. Größer als Schmerzen. Größer als die eigene Gesundheit.

Später wollte ich einem anderen obdachlosen Herrn Wasser und eine Orange geben. Noch bevor ich bei ihm ankam, stand dort eine Frau mit ihrem Handy. Sie fotografierte ihn. Einfach so. Ohne zu fragen. Ohne mit ihm zu sprechen. Ohne seine Erlaubnis.

Und während ich sie beobachtete, fragte ich mich, wann aus einem Menschen eigentlich ein Motiv geworden ist. Wann wir angefangen haben, Not zu fotografieren, statt sie zu sehen. Wann wir angefangen haben, hinzuschauen, ohne wirklich hinzusehen.

Vielleicht beschäftigt mich genau das an solchen Tagen.

Dass man so viele unterschiedliche Seiten des Menschseins begegnet.

Dankbarkeit.

Ablehnung.

Scham.

Mitgefühl.

Gleichgültigkeit.

Würde.

Und manchmal auch deren Verlust.

Gestern fragte mich jemand, was ich von solchen Tagen eigentlich mit nach Hause nehme.

Die Wahrheit?

Ich nehme die Menschen mit.

Nicht wirklich.

Aber irgendwie doch.

Der Mann mit den Wunden.

Der Mann mit der Scham.

Die Menschen, die Danke gesagt haben.

Die Menschen, die nichts gesagt haben.

Sie alle fahren ein Stück mit.

Im Kopf.

Im Herzen.

Und manchmal sitzen sie noch lange neben einem, obwohl man längst wieder zu Hause angekommen ist.

Vielleicht sind genau das die Tage, die schwer sind. Nicht weil die Arbeit schwer ist. Sondern weil man Menschen nicht einfach auf einem Parkplatz zurücklassen kann.

Man fährt irgendwann nach Hause.

Die Gedanken tun das nicht immer.

Und wenn heute Nacht wieder das Telefon klingelt und irgendwo eine Meldung reinkommt, dann ratet mal, wer sich wieder ins Auto setzt und losfährt.

Nicht weil es einfach ist.

Sondern weil Wegsehen noch nie unsere Lösung war.